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Wie das Smartphone unser Gehirn verändert
10.07.2019 17:52 Uhr
Denkzentrale im digitalen Dauerstress

Henriette ist etwas zögerlich. Kein Wunder, immerhin ist sie in einem Versuchslabor. Und außerhalb dieser Kabine wandern die Blicke von Professorin Nicole Wetzel zwischen mehreren Monitoren hin und her. Was die kleine Henriette nicht weiß: Eine Spezialkamera zeichnet ihre Augenbewegungen und die Pupillengröße auf. O-TON: Prof. Nicole Wetzel, Forscherin «Wir messen Aufmerksamkeitsprozesse. Beispielsweise zeigen wir dem Kind einen Film, so dass die Aufmerksamkeit des Kindes auf den Film gerichtet ist. Und gleichzeitig spielen wir Störgeräusche vor. Und diese Störgeräusche rufen bestimmte Muster in der Gehirnaktivität hervor, so dass wir Rückschlüsse auf kognitive Prozesse, die gerade ablaufen, schließen können.» Nicole Wetzel will im Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg herausfinden, wie sich Aufmerksamkeit, Lernen und das Gedächtnis von Kindern und Jugendlichen entwickeln. O-TON: Prof. Nicole Wetzel, Forscherin «Das Smartphone hat ja ein doch erhebliches Ablenkungspotenzial, und wir wissen aus unseren Studien, dass sich die Kontrolle der Aufmerksamkeitsablenkung bis in das Grundschulalter hinein entwickelt. Deshalb würde ich annehmen, dass ein Kindergartenkind oder ein Grundschulkind von einem Smartphone mehr abgelenkt ist als ein älteres Kind oder ein Erwachsener.» Dass digitale Techniken Spuren in der menschlichen Denkzentrale hinterlassen, berichten auch die Experten vom Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. Hier erforschen rund 90 Wissenschaftler, wie Computer das Lernen und Lehren verbessern können. Peter Gerjets ist einer davon. Er berichtet, dass es Unterschiede gibt zwischen dem Lesen auf digitalen Geräten und auf Papier. O-TON Peter Gerjets, Forscher «Ein Unterschied, den wir uns anschauen, ist die Tatsache, dass beim digitalen Lesen ja oft Hyperlinks verwendet werden, also denken Sie zum Beispiel an Wikipedia, wo Sie alle Naselang auf so einen Hyperlink, wo Sie draufklicken können, stoßen und Sie sich dann überlegen müssen: Ist das wichtig für Sie, klicken Sie drauf, ist das interessant?» Die Experten haben herausgefunden, dass - wenn wir auf den Link schauen - eine Belastung im Gehirn entstehen kann und unsere Aufmerksamkeit gefordert ist. O-TON Peter Gerjets, Forscher «Das passiert einfach, weil der Link da ist. Wir können auch zeigen, dass wenn man nur draufguckt, nicht draufklickt, dass diese Aufmerksamkeitseffekte da sind - und auch Lerneffekte da sein können. Wir haben zum Beispiel Leuten Lerntexte gegeben mit Links und ohne Links. Und die mit Links - selbst wenn die Links nicht benutzt werden sollten und auch nicht benutzt werden, erzeugen schlechtere Lerneffekte.» Denn selbst bei schlauen Leuten ist die Kapazität der grauen Zellen irgendwann endlich. Vor allem lange und informative Sachtexte können vom Gehirn besser verstanden und behalten werden, wenn man sie auf Papier liest, sagen auch 130 internationale Leseforscher. In einer Erklärung von Anfang des Jahres fordern sie deshalb, das analoge Lesen weiterhin zu fördern. Die Langzeit-Wirkungen von Smartphones und Lektüre am Computer im Kopf sind dabei noch gar nicht bekannt. Deshalb appellieren sie: Forscht weiter zu diesen Themen!

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